Nachbetrachtung #denkbar am 25. Februar 2026: Einblicke in die Welt agentischer KI, Googles KI-Ökosystem und Vibe Coding

Am Mittwochabend fand die 25. Ausgabe der #denkbar statt – ein kleines Jubiläum für unsere offene Denk- und Gesprächsreihe zu allen Aspekten der Künstlichen Intelligenz. Rund 30 Teilnehmer:innen und Teilnehmer aus Österreich, Deutschland, Südtirol und Schweden trafen sich via Zoom, um im bewährten Lean-Coffee-Format gemeinsam nachzudenken, zu staunen und voneinander zu lernen. Die Runde war bunt gemischt: Erwachsenenbildner:innen, Hochschuldidaktiker:innen, Journalist:innen, Designer:innen, Informatiker:innen, eine angehende Bürgermeisterin, ein Cyberpsychologe, eine Musikerin und Startup-Gründer:innen.

Der Abend war – wie Harry treffend in den Chat schrieb – ein regelrechtes Feuerwerk. Drei große Themenblöcke kristallisierten sich heraus, die ich im Folgenden zusammenfasse und einordne.


Thema 1: Agent Zero – Agentische KI zum Selbsthosten

Harald eröffnete den Abend mit einer Live-Demonstration von Agent Zero, einem Open-Source-Framework für KI-Agenten, das auf GitHub frei verfügbar ist. Der Kerngedanke: Statt einzelne Prompts an ein Sprachmodell zu schicken, kommuniziert man mit einem zentralen Agenten (dem namensgebenden „Agent Zero“), der bei komplexen Aufgaben selbstständig weitere Unter-Agenten erzeugt und koordiniert.

Wie funktioniert das technisch? Agent Zero läuft lokal auf dem eigenen Rechner in einem Docker-Container – einem abgeschotteten virtuellen Linux-System, das keinen Zugriff auf die eigenen Daten hat. Der Container startet ein eigenes Betriebssystem (Kali Linux), und die KI agiert ausschließlich innerhalb dieser Sandbox. Über API-Schlüssel werden verschiedene Sprachmodelle angebunden – Harald nutzt etwa DeepSeek v2.5 über Open Router als Chat-Modell, Mistral Nemo für Werkzeug-Aufgaben und ein Hugging-Face-Modell für die lokale Vektordatenbank.

Das Besondere: Skills und Gedächtnis. Harald zeigte eindrucksvoll, wie er sich im Dialog mit Agent Zero sogenannte „Skills“ (Fähigkeitsdateien) erarbeitet hat. Am Beispiel einer automatischen YouTube-Video-Produktion demonstrierte er den Workflow: Agent Zero generiert eine Erzählgeschichte nach dem Schema der Heldenreise, erzeugt Audio über ElevenLabs, erstellt passende Bilder über Flux und fügt alles mit FFmpeg zu einem Video zusammen – vollautomatisch, in etwa 15 Minuten. Beim ersten Mal wurde der Prozess Schritt für Schritt gemeinsam entwickelt, beim dritten Durchlauf lief alles fehlerfrei durch.

Warum ist das mehr als „nur chatten“? Harald erklärte den entscheidenden Unterschied zur herkömmlichen Nutzung von ChatGPT oder ähnlichen Tools über eine anschauliche Metapher: Ein einzelnes Sprachmodell ist wie ein einzelner Arbeiter, der allein ein Haus bauen soll – irgendwann übersteigt die Aufgabe sein „Kontextfenster“ (Gedächtnis). Agentische KI funktioniert wie ein Team: Der Manager delegiert Teilaufgaben an Spezialisten, jeder hat sein volles Kontextfenster zur Verfügung, und gemeinsam können sie wesentlich komplexere Projekte stemmen. Zudem können zeitgesteuerte Aufgaben (Cron-Jobs) eingerichtet werden – Agent Zero könnte theoretisch jeden Morgen um 6 Uhr selbstständig ein neues Video generieren.

Harry ergänzte, dass Google Antigravity ähnliche Funktionalitäten bietet, allerdings cloud-basiert und mit der üblichen Datenpreis-Thematik. Susanne stellte wichtige Fragen zur Datensicherheit: Die API-Keys werden als Umgebungsvariablen gespeichert, der Agent sieht nur die Variable, nicht den Inhalt. Die generierten Inhalte bleiben lokal im Container.

Florine fragte nach Kosten und Einstiegshürden: Docker Desktop ist für den privaten und selbstständigen Gebrauch kostenlos, Agent Zero ebenfalls. Kosten entstehen nur durch die genutzten API-Aufrufe an die Sprachmodell-Anbieter – die über Open Router aber deutlich günstiger sind als über die direkten Anbieter-Abonnements.

Haralds abschließendes Highlight: Er konnte mithilfe von Agent Zero eine vollautomatische Lektoratsprüfung wissenschaftlicher Einreichungen nach einem institutsspezifischen Standard einrichten – eine Aufgabe, für die er zuvor eine Woche gebraucht hätte, nun in einer Stunde erledigt, obwohl er kein Lektoratsexperte ist.

Bewertung der Learnings

Agent Zero steht exemplarisch für einen fundamentalen Paradigmenwechsel: Weg vom einzelnen Chat-Fenster, hin zur orchestrierten Zusammenarbeit mehrerer KI-Instanzen. Die Skill-basierte Arbeitsweise, bei der Erfahrungen aus Arbeitsprozessen als wiederverwendbare Anleitungen gespeichert werden, macht die Qualität reproduzierbar. Für die Erwachsenenbildung ist das hochrelevant: Es zeigt, wie Nicht-Programmierer:innen komplexe Automatisierungen aufbauen können – vorausgesetzt, sie sind bereit, sich mit Konzepten wie Docker und API-Keys auseinanderzusetzen. Die Einstiegshürde ist technisch noch hoch, aber sinkend. Die Diskussion um Datensicherheit und lokale vs. cloud-basierte Verarbeitung bleibt zentral.


Thema 2: Googles KI-Ökosystem – Gemini, NotebookLM und mehr

Silvia brachte das Thema Google Gemini und NotebookLM ein, das bei der Abstimmung sogar die meisten Stimmen erhielt.

NotebookLM als vielseitiges Werkzeug. Die Gruppe tauschte sich über die aktuellen Möglichkeiten von Google NotebookLM aus. David berichtete, dass man nun einzelne Folien einer generierten Präsentation gezielt per Prompt überarbeiten kann – ein kleiner, aber praktischer Fortschritt. Susanne hob die Infografiken hervor, die NotebookLM aus Quellmaterial generieren kann. Silvia demonstrierte, wie sie verschiedene Unterlagen in NotebookLM einbindet und dabei eine bemerkenswerte Konsistenz im visuellen Stil erzielt – Florine war von der Einheitlichkeit der generierten Figuren und Grafiken begeistert.

Storybook als Demokratie-Werkzeug. Silvia und Torsten diskutierten das Storybook-Feature von NotebookLM, das Comic-artige Bildgeschichten aus Quellmaterial generiert und vorlesen kann. Silvia setzt es ein, um komplexe Themen wie Demokratiebildung niedrigschwellig aufzubereiten – ein spannender Ansatz für die politische Bildung. Torsten berichtete von einer zwischenzeitlichen Nicht-Verfügbarkeit des Features, das aber nun wieder da ist (noch als „Experiment“ gekennzeichnet).

Deep Research + NotebookLM als Kombinationsstrategie. Als besonders leistungsfähig wurde der Workflow beschrieben, mit Gemini Deep Research ein umfangreiches Dossier zu erstellen, das als Google Doc gespeichert wird, dieses dann in NotebookLM als Quelle einzubinden und dort weiter aufzubereiten.

Gems und Kortex-Extension. Harry erwähnte die Möglichkeit, über Gemini Gems (vergleichbar mit Custom GPTs) und die Browser-Extension Kortex Inhalte aus NotebookLM zu exportieren und zu verknüpfen. Die Kombination aus Gems und NotebookLM-Notebooks eröffnet neue Möglichkeiten der Wissensverarbeitung.

Google AI Studio wurde als weiteres mächtiges Werkzeug erwähnt, das ein ganzes Universum an Möglichkeiten bietet.

Diskussion: Welches Tool? Florine stellte die Gretchenfrage: ChatGPT oder Gemini? Das Stimmungsbild war differenziert. David bekannte sich als Fan der Antworttiefe von Claude, nutzt aber auch Google intensiv. Silvia und Harry tendierten klar zu Gemini. Harald plädierte für offene Modelle. Torsten warf einen wichtigen Punkt auf: Gemini erfordert ein Google-Konto, was im Bildungskontext – insbesondere an Volkshochschulen – eine Barriere darstellt.

Bewertung der Learnings

Googles KI-Ökosystem hat massiv aufgeholt. Die Integration von NotebookLM, Deep Research, Gems und AI Studio zu einem zusammenhängenden Workflow ist für Bildungspraktiker:innen unmittelbar nutzbar und erfordert keine technischen Vorkenntnisse. Besonders wertvoll für die Erwachsenenbildung: die Infografik-Generierung, das Storybook-Feature für niedrigschwellige Aufbereitung und die Möglichkeit, aus umfangreicher Recherche direkt Lehrmaterial zu erzeugen. Die Anmeldepflicht bleibt ein berechtigter Kritikpunkt für offene Bildungskontexte. Erfreulich ist die Vielfalt an Optionen – es gibt kein „bestes“ Tool mehr, sondern komplementäre Stärken verschiedener Anbieter.


Thema 3: Vibe Coding – Wenn Nicht-Programmierer:innen plötzlich Software bauen

Michael brachte als drittes Thema Vibe Coding ein und demonstrierte live, wie er als Nicht-Programmierer mithilfe von Claude Code und Cursor funktionsfähige Webanwendungen erstellt.

Der Anwendungsfall: Michael kommt aus dem Bereich Datenschutz und Informationssicherheit und hat mit Cursor und Claude Code ein Redaktionsplanungs-Tool entwickelt – eine vollwertige Webapplikation, die Beiträge verwaltet und über Konnektoren direkt auf LinkedIn und andere Plattformen posten kann. Seine Schätzung: Was mit einem externen Entwickler das Dreißigfache gekostet hätte, konnte er selbst in einem Bruchteil der Zeit umsetzen.

Die Meta-Erkenntnis: David hob die Meta-Ebene hervor – Menschen können plötzlich Dinge, die sie vorher nicht konnten. Michael beschrieb, wie seine gesamte berufliche Kompetenz sich durch die Möglichkeit, eigene Software zu erstellen, vervielfacht hat. Er kann nun Ideen schnell und hochkompetent umsetzen.

Harry ergänzte, dass diese „Vibe Coding“-Systeme – ob Claude Code, Google Antigravity oder andere – sich auch hervorragend zum Verfassen umfangreicher Texte eignen, da sie im Gegensatz zu normalen Chatbots nichts vergessen. Gleichzeitig warnte er vor der „technischen Schuld“, die durch KI-generiertes Coding entstehen kann und deren Ausmaß noch völlig unbekannt ist.

Harald kündigte an, dass Anthropic ein neues Security-Tool für Claude Code veröffentlichen wird, das generierten Code auf Sicherheitslücken prüft.

Andrea reflektierte aus pädagogischer Sicht: Es sei faszinierend, aber auch herausfordernd, dass man nun Dinge erstellen kann, ohne die zugrundeliegenden Konzepte tief zu verstehen.

Bewertung der Learnings

Vibe Coding demokratisiert die Softwareentwicklung radikal. Für Bildungseinrichtungen, NGOs und Selbstständige eröffnet sich die Möglichkeit, maßgeschneiderte digitale Werkzeuge zu erstellen, ohne externe Entwickler beauftragen zu müssen. Die Kehrseite – Qualitätssicherung, Wartbarkeit und technische Schuld – wurde zurecht thematisiert. Für die Erwachsenenbildung stellt sich eine grundlegende Frage: Wie vermitteln wir die Kompetenz, KI-generierte Ergebnisse kritisch zu bewerten, wenn die Erstellung selbst immer einfacher wird? Andreas Beobachtung trifft einen Nerv: Es entsteht ein neues Spannungsfeld zwischen Handlungsfähigkeit und Verständnistiefe.


Am Rande: Pentagon, Arbeitsmarkt und tanzende Roboter

Der Chat brachte gegen Ende noch gewichtige Themen ein: Dörte teilte den aktuellen Tagesschau-Bericht über die Forderung des US-Pentagons an Anthropic, die Claude-Technologie für militärische Zwecke zu öffnen – ein Thema, das die Gruppe sichtlich beschäftigte. Peter berichtete von seiner Recherche zu historischen Disruptionen und den KI-Prognosen von 30 bis 40 Prozent Arbeitslosigkeit in industrialisierten Ländern. Harald und Harry teilten Videos chinesischer Roboter, die synchron tanzen – beeindruckend und beunruhigend zugleich. Die Diskussion berührte damit auch die großen gesellschaftlichen Fragen, die hinter den technischen Entwicklungen stehen.


Fazit

Die #denkbar25 war – wie Stefan treffend zusammenfasste – eine Session, bei der der „Schädel raucht, aber auf positive Art“. Der Abend war inhaltlich dicht, technisch anspruchsvoll und hat auch langjährige Teilnehmer:innen herausgefordert. Florine brachte es auf den Punkt: „Nur die Hälfte verstanden, aber es war toll.“ Klaus bestätigte: programmierlastig, aber dennoch viel Wertvolles dabei.

Die drei Hauptthemen spiegeln drei Dimensionen des aktuellen KI-Umbruchs: Agent Zero steht für die Tiefe (komplexe Automatisierung), Googles KI-Ökosystem für die Breite (niedrigschwellige Vielfalt) und Vibe Coding für die Demokratisierung (neue Fähigkeiten für alle). Gemeinsam zeigen sie: Die Entwicklung beschleunigt sich weiter, die Werkzeuge werden mächtiger, und die Fragen nach Datensicherheit, Bildungsgerechtigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung werden drängender.

Vielen Dank an alle, die dabei waren und beigetragen haben – es war wie immer herrlich erfrischend!


Linkliste

Die folgenden Links wurden während des Abends im Chat geteilt:


Teilnehmer:innen (Auswahl)

Susanne (Analytikerin, 30 Jahre Spielfreude), Silvia (Stellv. VHS-Direktorin, Nordhorn), Elisabeth (Hochschuldidaktikerin, Wien), Elmar (Referent VHS Südtirol), Christian (Göttingen), Christoph (Journalist, Berlin), Torsten (VHS Wildeshausen, Bildungsmanager Digitalisierung), Michaela (Erwachsenenbildnerin, Waldviertel), Markus (Hochschuldidaktik, Uni Karlstad), Michael D. (VHS Stuttgart), Florine (Dozentin, Köln), Andrea (Kinderbüro Uni Wien, TurtleStitch), Harry (Cyberpsychologe & KI-Berater, Salzburg), Simone (Innovation Hub, KH Barmherzige Brüder Salzburg), Monika (Pädagogin, Baden bei Wien), Conny (Nordhessen), Ernst (OTH Regensburg), Florian (Startup, EU-India Sourcing), Klaus (Grafiker & Designer), Stefan (Universität Salzburg & Erwachsenenbildung), Peter (Informatik/Pädagogik), Nora (Studentin & Musikerin, Kärnten), Michael S. (Datenschutz/Informationssicherheit, Hannover), Harald (Forscher, Agent-Zero-Experte), Leopold, Dörte, Ria (gute Besserung!)


Die nächste #denkbar wird rechtzeitig angekündigt. Offene Werkstatt zum Thema KI im Live-Einsatz am 12. März 2026. Und: der Lehrgang Erwachsenenbildung und KI 2026/27 am bifeb startet bald.

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