Live-Verdolmetschung mit KI: Eine neue Stufe – und ein schwieriger Moment

Mehrsprachige Online-Veranstaltungen waren für mich in den vergangenen Jahren immer auch eine organisatorische und finanzielle Herausforderung: Ein Dolmetschteam musste engagiert werden. In der Regel sind pro Sprache zwei Dolmetscher_innen notwendig, die sich alle 15 Minuten abwechseln.

Gerade in europäischen Projekten, in der Erwachsenenbildung und in internationalen Workshops ist professionelle Verdolmetschung oft entscheidend dafür, dass Menschen wirklich teilnehmen können – nicht nur formal, sondern weitgehend gleichberechtigt.

Der aktuelle technische Fortschritt für mich zugleich faszinierend und ambivalent.

Bei unserer offenen Werkstatt „Live mit KI“ haben wir mit KI-gestützter Live-Audio-Verdolmetschung experimentiert. Zunächst hat noch nicht alles funktioniert. Das Problem lag schließlich nicht am Realtime Translator von OpenAI selbst, sondern an der Konfiguration des virtuellen Audiokabels. Nachdem dieses richtig eingerichtet war, funktionierte die Live-Audio-Verdolmetschung erstaunlich gut.

Kurz darauf veröffentlichte am 9. Juni 2026 Google Gemini 3.5 Live Translate – eine Echtzeit-Sprachübersetzung, die laut Google über 70 Sprachen unterstützt. Ich konnte diese Lösung bereits in Zoom integrieren. Mit diesen beiden Angeboten wurde eine neue Stufe erreicht: Gesprochene Sprache wird live aufgenommen, übersetzt und wieder als gesprochene Sprache ausgegeben.

Besonders beeindruckend ist dabei nicht nur die Geschwindigkeit. Auch Stimme, Tonfall und emotionale Färbung werden nachgebildet. Je nach sprechender Person kann die KI-Stimme männlich oder weiblich klingen, ruhiger oder lebendiger, sachlich oder emotionaler. Das verändert die Wahrnehmung. Übersetzung wird nicht mehr nur als Text oder Untertitel sichtbar, sondern als unmittelbare Stimme hörbar.

Fast drängt sich hier eine biblische Dimension auf: die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Dort steht die Sprachverwirrung für das Auseinanderfallen menschlicher Verständigung. Menschen, die zuvor gemeinsam an einem großen Vorhaben arbeiteten, verstehen einander plötzlich nicht mehr. Sprache wird zur Grenze, zur Trennung, zur Unterbrechung gemeinsamer Handlung.

In gewisser Weise erleben wir nun eine technische Gegenbewegung zu Babel. KI-gestützte Live-Verdolmetschung verspricht, Sprachgrenzen in Echtzeit zu überbrücken. Was einst als Symbol der Zerstreuung erzählt wurde, wird heute technologisch neu verhandelt: Können Menschen wieder unmittelbarer miteinander sprechen, auch wenn sie unterschiedliche Sprachen verwenden? Wird digitale Technik zu einer Art Brücke über die babylonische Sprachverwirrung?

Ein weiterer wichtiger Punkt: KI-gestützte Live-Verdolmetschung kann auch seltene Sprachpaarungen direkt übersetzen – ohne den Umweg über Relaisdolmetschen. Bisher war es bei weniger häufigen Sprachkombinationen oft notwendig, zuerst in eine Zwischensprache zu dolmetschen, etwa ins Englische, und von dort weiter in die Zielsprache. Das kostet Zeit, erhöht die Fehleranfälligkeit und braucht mehrere Personen. Nun wird es technisch möglich, beispielsweise Griechisch direkt ins Portugiesische zu übertragen – oder andere Sprachkombinationen abzudecken, für die es in der Praxis kaum verfügbare Dolmetscher:innen gibt. Gerade für internationale Bildungsprojekte, europäische Netzwerke oder mehrsprachige Online-Formate ist das ein großer Schritt.

Für Online-Veranstaltungen eröffnet das enorme Chancen. Mehrsprachige Begegnungen können niederschwelliger werden. Kleinere Organisationen, Bildungsinitiativen oder zivilgesellschaftliche Projekte, die sich professionelle Verdolmetschung bisher kaum leisten konnten, bekommen neue Möglichkeiten. Menschen können leichter teilnehmen, auch wenn sie die Veranstaltungssprache nicht sicher beherrschen. Barrieren sinken. Austausch wird unmittelbarer.

Gleichzeitig wäre es zu einfach, diese Entwicklung nur euphorisch zu betrachten.

Denn für die Berufsgruppe der Dolmetscherinnen und Dolmetscher wird es wohl schwieriger. Viele Einsätze, vor allem im niedrigschwelligen Online-Bereich, könnten in Zukunft durch KI-Systeme ersetzt oder zumindest stark verändert werden. Dort, wo früher selbstverständlich professionelle Sprachmittlung eingeplant wurde, wird künftig öfter gefragt werden: „Reicht nicht die KI?“

Diese Frage ist verständlich – aber sie greift zu kurz.

Dolmetschen ist mehr als das Übertragen von Wörtern von einer Sprache in eine andere. Professionelle Dolmetscher:innen verstehen Kontexte, kulturelle Feinheiten, Zwischentöne, Machtverhältnisse, Ironie, Unsicherheit und oft auch das, was nicht ausgesprochen wird. KI kann Sprache zugänglicher machen. Sie kann Türen öffnen. Sie kann erste Verständigung ermöglichen, wo sonst vielleicht gar keine stattgefunden hätte. Aber sie übernimmt keine Verantwortung. Sie versteht nicht im menschlichen Sinn.

Auch die Erzählung vom Turmbau zu Babel kann hier als Warnung gelesen werden. Sie handelt nicht nur von Sprache, sondern auch von menschlicher Hybris: vom Wunsch, mit technischer und organisatorischer Macht alle Grenzen zu überwinden. Genau deshalb braucht es bei der KI-Verdolmetschung nicht nur Begeisterung, sondern auch Demut. Nicht alles, was technisch möglich ist, ist automatisch kommunikativ gelungen. Und nicht jede überwundene Sprachbarriere bedeutet schon echtes Verstehen.

Vielleicht entsteht hier auch ein neues Arbeitsfeld: Dolmetscher:innen könnten künftig stärker als Qualitätsprüfer:innen, Moderator:innen mehrsprachiger Kommunikation, Berater:innen für Sprachzugänglichkeit oder Expert:innen für sensible Kommunikationssituationen gefragt sein. Aber klar ist auch: Der Markt wird sich verändern. Und zwar schnell.

Unsere offene Werkstatt hat gezeigt, wie wichtig gemeinsames Ausprobieren ist. Nicht als pure Technikbegeisterung, sondern als neugieriges, kritisches und praktisches Lernen. Es war schön zu sehen, wie aus Neugier gemeinsames Experimentieren wurde – mit vielen spannenden Fragen, praktischen Versuchen und offenen Diskussionen.

Live-Verdolmetschung mit KI ist kein kleines Zusatzfeature. Sie verändert, wie wir über Mehrsprachigkeit in Online-Veranstaltungen (und wohl bald auch Präsenzveranstaltungen) nachdenken. Sie macht vieles möglich. Sie fordert uns aber auch heraus, genauer hinzusehen: Was gewinnen wir? Was verlieren wir? Und wie gestalten wir den Übergang so, dass Zugänglichkeit wächst, ohne menschliche Expertise vorschnell abzuwerten?

Die Technik funktioniert inzwischen. Jetzt beginnt die eigentliche Diskussion.

P.S.: Diese Entwicklung wird wohl rasch in die großen Videokonferenzplattformen hineinwachsen. Zoom bietet bereits automatisch übersetzte Live-Untertitel an und dokumentiert inzwischen auch einen „Voice Translator“ für Meetings, der gesprochene Beiträge nahezu in Echtzeit in eine andere Sprache überträgt. Auch Google Meet unterstützt schon länger übersetzte Untertitel in Meetings. Mit Googles neuer Live-Translate-Technologie zeichnet sich ab, dass aus übersetzten Untertiteln zunehmend echte gesprochene Live-Verdolmetschung wird. Was heute noch nach Experiment klingt, könnte also bald ein selbstverständlicher Bestandteil von Zoom, Google Meet und anderen Online-Konferenzsystemen sein.

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